Das Henne-Ei-Problem in der Wissenschaft - Wenn Körperwahrnehmungsstörungen im Gehirn sichtbar sind

26.05.2020

Menschen mit einer seltenen Körperempfindungsstörung wünschen sich die Amputation eines Körperteils. Peter Brugger und seine Forschungspartner konnten nun zeigen, dass diese Störung durch Veränderungen im Gehirn begleitet wird.
Doch was war zuerst? Die Körperempfindungsstörung oder die Veränderung im Gehirn? Diese Frage nach der Henne und dem Ei ist eine häufig gestellte Frage in der Wissenschaft. 

 

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Doktorand Gianluca Saetta und seine Forschungspartner konnten zeigen, dass bei Probanden, die sich eine Amputation des linken Beines wünschen, zwei Regionen des Grosshirns weniger miteinander und dem Rest des Gehirns funktionell verknüpft sind. Diese Regionen sind für die Repräsentation des Körpers zuständig. Eine davon befindet sich im rechten oberen Parietallappen (gelb eingekreist). Die andere (violett eingekreist) verarbeitet sensorische und motorische Eindrücke des linken Beins. Bild: Gianluca Saetta

 

Man sollte meinen, dass wir einzelne Körperteile immer als integralen Teil unserer Person empfinden und dass sie uns in jedem Fall lieb und teuer sind. Für Leute mit einer seltenen Körperempfindungsstörung ist dies aber nicht so. Sie leiden darunter, einen Körper mit zwei Armen und zwei Beinen zu haben und würden sich vollständiger empfinden, wenn sie einen Körperteil weniger hätten.

 

Änderungen im Gehirn sind sichtbar
Der Grund für diese Empfindung ist nicht bekannt. Bildgebende Verfahren zeigen nun, dass die Störung von strukturellen Änderungen des Gehirns und fehlende Verbindungen zwischen einzelnen Hirnarealen begleitet ist. Dies wurde von der Forschungsgruppe rund um ZIHP Mitglied Peter Brugger an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürichund an der Rehabilitationsklinik Valens in Kollaboration mit italienischen Kollegen gezeigt. Mittels Magnetoresonanztomographie untersuchten  sie 16 Männer, die sich die Amputation des linken Beines wünschen. Es fand sich eine gegenüber einer Kontrollgruppe verminderte Dichte der grauen Substanz in einigen Abschnitten des rechten Parietallappens, einer Region des Grosshirns, die für die Repräsentation des Körpers als harmonisches Ganzes bekannt ist. Weiter  waren Hirnareale, welche für die Verarbeitung von sensorischen und motorischen Informationen aus den ungewollten Körperteilen zuständig sind, weniger als bei de  Kontrollgruppe mit anderen Hirngebieten vernetzt.

 

Was war zuerst?
Bedeuten nun diese Beobachtungen, dass die Körperempfindungsstörung, die auf Vorschlag der WHO ab 2022 offiziell als Krankheit akzeptiert sein wird, damit als  neurologische Erkrankung aufzufassen ist? Peter Brugger warnt, dass hier das klassische Henne-Ei-Problem vorliegen könnte. Denn nicht jede Verhaltensauffälligkeit, die ein messbares neuronales Gegenstück besitzt, ist deswegen auch eine neurologische Erkrankung. Das Leiden könnte eine Folge der gemessenen Veränderungen des Hirns sein, aber auch deren Ursache: Ein jahrzehntelang gehegter Wunsch, sein eines Bein loszuwerden, könnte die Repräsentation dieses Körperteils im Gehirn sehr wohl substanziell beeinflussen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Empfindungsstörung auch zu Verhaltensanpassungen führt: die meisten Betroffenen wenden unterschiedlich viel Zeit und Mühen auf, sich und anderen vorzuspielen, sie seien bereits amputiert, indem sie sich etwa das ungewollte Bein hochbinden und an Stöcken gehen.

 

Für Peter Brugger ist die seltene Störung in vielerlei Hinsicht ein Lehrstück. Denn Laien wie Fachleute können den Wunsch, einen Körperteil loszuwerden, nicht nachvollziehen und neigen dazu, physiologische Veränderung des Gehirns finden zu wollen und erst dann Personen, die an dieser Erkrankung leiden, plötzlich ernst zu nehmen. Dies ist aber eine häufige Überinterpretation der korrelativen Befunde. Weitere, integrative und interdisziplinäre Studien sollen helfen, die Frage zu beantworten, ob in diesem Fall das Ei oder die Henne zuerst da war.

 

Die Studie wird Anfang Juni in der Zeitschrift Current Biology erscheinen
Saetta et al., Neural Correlates of Body Integrity Dysphoria, Current Biology (2020), 30: 1-5
die Online-Version ist hier nachzulesen: https://doi.org/10.1016/j.cub.2020.04.001

 

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