Die Forschung der Universität Zürich im Zeichen des Coronavirus

Viele Forschende können ihre Projekte während der Coronakrise nicht fortsetzen. Einige von ihnen engagieren sich aber neu in der Coronaforschung. Prof. Michael Schaepman, Prorektor Forschung und Mitglied der Universitätsleitung, spricht über Veränderungen, Finanzierungs-herausforderungen und Chancen für die interdisziplinäre Forschung.

 

Michael Schaepman

 

Portrait Schaepman
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Prof. Dr. Michael Schaepman leitet eine Forschungsgruppe am Geographischen Institut der Universität Zürich und ist als Prorektor Forschung in der Universitätsleitung für die Bereiche Forschung, Innovation und Nachwuchsförderung zuständig.

 

Die Corona-Krise stellt auch die Universität Zürich auf den Kopf. Die Digitalisierung läuft zwar auf Hochtouren, aber Veranstaltungen mussten abgesagt werden und Forschungsprojekte liegen auf Eis. Am stärksten sind die experimentell arbeitenden Forschenden, welche sowohl im Labor forschen als auch Feldarbeit betreiben, betroffen. Denn im Homeoffice kann kein Laborexperiment durchgeführt werden und irgendwann sind auch keine weiteren Daten mehr zum Auswerten vorhanden.

 

Die Universität stand deswegen vor der grossen Herausforderung, Verzögerungen möglichst klein zu halten und laufende Experimente, die nicht unterbrochen werden können, möglichst weiterzuführen, ohne gleichzeitig Mitarbeitende, Studierende und indirekt die ganze Gesellschaft durch mögliche Infektionen zu gefährden. Denn ein grosser Betrieb mit grossem Personenaufkommen und einer starken Durchmischung wie eine Universität ist eine willkommene Verbreitungsquelle für das Coronavirus. Die Universität Zürich hat sich für einen Minimalbetrieb in der Forschung ausgesprochen: So wenige Mitarbeitende wie möglich sollen unsere Räume betreten. Um sicherzustellen, dass dies funktioniert, mussten Forschende sich entweder beim Institut auf einer Minimalpräsenzliste eintragen lassen oder mittels eines Antrages beim Prorektorat Forschung eine Spezialbewilligung erhalten, um weiter experimentelle Forschung betreiben zu können. Während des Lockdowns wurde dies sehr streng gehandhabt, seit dem 27. April wurden die Regeln behutsam gelockert.

 

Kompetitive Forschungsprojekte sind meistens zeitlich begrenzt finanziert

Trotz aller Bemühungen konnten die meisten Projekte während des Lockdowns nicht im selben Mass weitergeführt werden. Jetzt sind wir gefordert, Lösungen für die Projekte zu finden, die nicht problemlos verlängert werden können. Sei es aufgrund von komplexen Experimenten oder aufgrund von Finanzierungsproblemen. Denn nicht alle Förderungsinstitutionen sind gleich kulant. Während einige pragmatisch auf Antragsbasis Verlängerungen der Projekte anbieten, geben andere keine Möglichkeiten, verlorene Zeit zu kompensieren. Leider gibt es auch Geldgebende, die selbst in Zahlungsschwierigkeiten gelangen.

 

Als Folge davon müssen wir alle Härtefälle einzeln beurteilen und es gibt kein Rezept, das für alle gültig ist. Grundsätzlich bin ich über die Flexibilität der Mitarbeitenden und über die zahlreichen kreativen Lösungsvorschläge begeistert. So wurden während der Zeit im Home Office bereits neue Anträge für die Finanzierungen von Forschungsprojekten formuliert und damit Grundlagen geschaffen, direkt nach der Rückkehr am Forschungsplatz mit neuen Projekten zu beginnen oder zumindest dann sofort weitere Gesuche einzureichen. Dadurch haben Forschende wichtige Schritte unternommen, um die Finanzierung ihrer Forschungsgruppen zu sichern. Ich hoffe, dass wir mit der Härtefallregel und viel Kreativität die Verzögerungen massvoll auffangen können. Wir werden aber auch nach der Krise nochmals rückblickend die effektiv verlorene Zeit eruieren und reflektieren, wie wir diesem Notzustand begegnet sind.

 

Chance für interdisziplinäre Forschung

Zahlreiche Forschende haben in dieser Zeit der Neuorientierung Corona-spezifische Fragestellungen als prioritär eingestuft und wollen einen wertvollen Beitrag zur Erforschung und Bewältigung dieser neuen Krankheit leisten. Dies soll auch so sein, da wir ja alle an der Bewältigung und Aufarbeitung der Krise interessiert sind.

 

Dabei eröffnen sich eine Vielzahl von interessanten interdisziplinären Perspektiven. Schon während der Krise wandelte sich der Fokus von reinen medizinischen Fragestellungen hin zu psychologischen, ethischen, rechtlichen und ökonomischen Fragestellungen, um nur ein paar Themengebiete zu nennen. Es ist die Ganzheit der Krise, welche erfasst und analysiert werden soll und nicht nur der gesundheitliche Aspekt. Das ist eine fantastische Möglichkeit für interdisziplinäre Forschung, welche auch nach der Krise unbedingt weitergeführt werden soll!

 

Unverhoffter Digitalisierungsschub

Ich bin zudem überzeugt, dass viele weitere neue Ideen zur nachhaltigeren Zusammenarbeit aus dieser Krise hervorgehen. Wir wären ja keine Universität, wenn es uns nicht gelingen würde, all die neuen Formen der Zusammenarbeit kreativ und nachhaltig zu nutzen. Alle Mitarbeitende sind nun in der Lage zumindest Teilzeit im Homeoffice zu arbeiten. Trotzdem hat die sehr strikten Homeoffice Regel auch gezeigt, dass wir auf persönliche soziale Kontakte nicht verzichten können. Eine geschickte und ausgewogene Balance zwischen persönlicher und digitaler Interaktion wird als Errungenschaft dieser Krise hervorgehen. Es war schon immer das Ziel, den universitären Betrieb nachhaltiger zu gestalten und das werden wir nun besser erreichen.

 

Spendenaufruf für Studien über das Coronavirus

Da Forschungsgelder meistens an ein spezifisches Projekt mit einer fixen Laufzeit gebunden sind, können unsere Forschende die vorhandenen Gelder nicht für die zahlreichen Studien über das Coronavirus, verwenden, die angedacht sind.

Um diese Projekte beschleunigt zu realisieren, benötigt die Universität zusätzliche Mittel. Deswegen wurde eine öffentliche Spendenkampagne durch die UZH Foundation gestartet, damit Mitbürgerinnen und Mitbürger die Covid-19-Forschung unterstützen können. Dabei werden vor allem drei besonders dringende Studien unterstützt, die durch die Universität ausgewählt wurden. ZIHP-Mitglied Onur Boyman leitet eine dieser Studien. Er will herausfinden, wie das Immunsystem von Menschen reagiert, die besonders schwer erkranken. Dies würde wichtige Hinweise liefern, um in Zukunft Risikopatienten besser identifizieren zu können.

Mehr Informationen finden Sie hier

 

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