Die erste Welle in der Notfallstation

Dass wir glimpflich aus der ersten Pandemie-Welle herauskommen konnten, verdanken wir unter anderem dem Einsatz der Menschen an der Front in den Spitälern. Prof. Dr. med. Dagmar Keller, Direktorin des Instituts für Notfallmedizin des Universitätsspitals Zürich, zeigt auf, welche immense Reorganisation nötig war und erklärt, warum sie sich auch besonders um nicht-Corona Patient*innen Sorgen machte.

 

Dagmar Keller

 

Portrait Keller
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Prof. Dr. med. Dagmar Keller Lang ist Direktorin des Instituts für Notfallmedizin des Universitätsspitals Zürich.

 

Am Institut für Notfallmedizin ist es alltäglich und normal, nach dem Motto «Unverhofft kommt oft» zu handeln. Das genau macht die spannende Arbeit in der Notfallmedizin aus. Umso mehr haben wir uns von der COVID Pandemie nicht überraschen lassen.

 

Triage in einem speziellen Container gab es schon früher

Mit gefährlichen hochinfektiösen Erkrankungen, zum Beispiel Ebola und MERS (Middle East Respiratory Syndrome), waren wir schon länger kontinuierlich beschäftigt. Regelmässig haben wir in den letzten Jahren Patienten mit MERS -Verdacht bei uns aufgenommen. Die sogenannte Triagierung, das heisst die Festlegung der Behandlungsdringlichkeit, erfolgt routinemässig nach definierten Standard Operating Procedures, die unser ganzes Team regelmässig in Übungen überprüft und adaptiert. Zentral dabei ist, dass die Verdachtsfälle bereits beim Eingang zur Notfallstation korrekt erkannt werden und somit nicht in den Notfall hereinkommen, um die Exposition von Personal und Patient*innen zu verhindern. Stattdessen werden sie in einen speziellen Container auf dem Notfall-Vorplatz verwiesen, wo sie unter maximalen Hygiene-Schutzmassnahmen abgeklärt werden. Dieser Container ist ein Prototyp und wurde von uns selber für alle Arten von gefährlichen und hochinfektiösen Erkrankungen entworfen.

 

Dann kam Corona und verlangte eine riesige Reorganisation des Spitalbetriebs

Bereits am 24. Januar dieses Jahres hatten wir den ersten Patienten aus China, der die damals gültigen Verdachtskriterien für COVID erfüllte. Da wir bereits eine weit entwickelte Triagierung für MERS hatten, war es relativ einfach, diese auf COVID anzupassen und zu implementieren. Zeitgleich wurde im Zürcher Universitätsspital bereits im Januar eine COVID Task Force gegründet, in der die Notfallstation selbstverständlich vertreten war. So hatten wir Zeit, uns auf eine mögliche Pandemie einzustellen.

 

Im Laufe des nächsten Monats triagierten wir insgesamt 27 Einzelpatienten. Dann aber kam Norditalien als COVID-Gebiet dazu und die Situation änderte sich schlagartig. Ab dem 24. Februar kamen bereits so viele Verdachtsfälle, dass wir sie nicht mehr einen nach dem anderen im Container untersuchen konnten und uns neu organisieren mussten. So haben wir in den folgenden zwei Tagen in einem leerstehenden Trakt neben dem Notfall eine COVID Isolierstation aufgebaut. Wenige Tage vor Aufschlagen der ersten grossen Patientenwelle, waren die zusätzliche Räume aufgebaut.

 

Doch genug Raum alleine reicht nicht, denn es braucht auch Personal. Wir konnten nicht einfach einen Teil des Personals aus unserer Notfallstation in diese neue COVID Station verschieben, da der normale Notfall ungebremst weiterlief. So mussten Kaderpersonen, mich selbst eingeschlossen, an der Front arbeiten, bis wir Unterstützung aus anderen Kliniken des Universitätsspitals erhielten. Dies war möglich, weil die anderen Kliniken ihren Betrieb heruntergefahren hatten.

 

Parallel dazu tagte die COVID Task Force praktisch täglich, um die Reorganisation des gesamten Betriebs zu planen und zu begleiten. So wurden zusätzliche Normalstationen und Intensivstationen für COVID-Erkrankte aufgebaut und Personal aus heruntergefahrenen Kliniken verschoben. Auch wurde ein Pandemie-Notspital in der Turnhalle des Gymnasiums Rämibühl für allfällige Patienten aufgebaut, die nach der stationären Behandlung noch pflegebedürftig waren.

 

Notfälle während der Pandemie

Im Verlaufe der Pandemie änderte sich die Art der Patient*innen, welche an unser Institut für Notfallmedizin kam. Zu Beginn kamen ansonsten gesunde Personen primär für COVID Abstriche und Beratung. Im Laufe der Wochen kamen immer mehr abklärungsbedürftige leicht- und immer häufiger auch schwererkrankten COVID-Verdachtsfälle, was einen entsprechenden Bedarf von mehr Ressourcen nach sich zog.

 

Doch mit etwas hatten wir nicht gerechnet: Im April hatten wir deutlich weniger non-COVID Patient*innen. Es gab Tage, an denen kein einziger Patient mit Myokardinfarkt kam, was ansonsten an der Tagesordnung ist. Eine gefährliche Entwicklung, denn Infarkte und andere schwere Erkrankungen pausieren nicht während einer Pandemie. Daraufhin haben wir und andere Spezialisten in den Medien die Bevölkerung aufgefordert, bei Beschwerden nicht aus Angst vor einer Ansteckung im Spital zuhause zu bleiben, sondern sich bitte vorzustellen. Alles andere wäre lebensgefährlich. Zum Glück hat unser Aufruf auch Wirkung gezeigt.

 

Das Patientenmaximum erreichten wir glücklicherweise bereits am 16. März, als 70 COVID-Verdachtsfälle neben dem normalen Notfallbetrieb vorstellig wurden. Mittlerweile durften wir bereits die zusätzlichen COVID-Stationen wieder schliessen und Ruhe kehrte ein.

 

Was haben wir gelernt?

Glücklicherweise mussten wir die schrecklichen Horrorszenarien, die wir aus Fernsehbildern kennen, nicht durchleben. Unter anderem war dies dank unserer vorausschauenden Reorganisation und dank dem vorbildlichen Verhalten der Bevölkerung möglich. Auch haben sich erfreulicherweise aufgrund unserer strikten und frühen Implementierung sämtlicher Schutzmassnahmen keine Mitarbeitende der Notfallstation am Arbeitsplatz mit dem Coronavirus angesteckt. Doch das Virus wird uns noch lange begleiten und mit jedem Verdachtsfall, den wir abklären, bleibt das Bewusstsein, dass eine zweite Welle nicht ausgeschlossen ist. Besonders Respekt haben wir vor der Grippesaison, die schon für sich alleine genug anspruchsvoll ist. Doch wir sind bereit und wir wissen, dass wir bei Bedarf die Pandemie-Infrastrukturen wieder rasch aufbauen könnten. Uns ist es auch bewusst geworden, dass in einer Krise möglich wird, was zu Normalzeiten nicht oder nur schwer vorstellbar wäre. Und dies müssen wir beibehalten können.

 

Willkommen im USZ Notfall

Trotz Belastung ist es uns gelungen, den Humor nicht zu verlieren. Ein selbstproduziertes Video wurde über eine halbe Million Mal gesehen (https://www.youtube.com/watch?v=4G1jAOkRJTo&t=16s). Team-Building - u.a. mit unserem Video - ist auch in Krisenzeiten wichtig.

Persönlich hat mich ein Text, welchen ich von Freunden via WhatsApp erhalten habe, durch die Pandemie begleitet und wird es weiter tun, passend zum Titel dieser ZIHP Reihe. Der Autor ist leider nicht bekannt, es wurde aus dem Chinesischen übersetzt.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen, und bleiben Sie gesund!

 

一夜之間,世界變了。

We fell asleep in one world, and woke up in another.

 

突然,迪士尼不再神奇,巴黎不再浪漫,纽約不再燦爛,長城無法防禦病毒,麥加已成空城。

Suddenly Disney is out of magic,
Paris is no longer romantic,
New York doesn't stand up anymore,
the Chinese wall is no longer a fortress, and Mecca is empty.

 

擁抱和親吻成為危害的武器,不探望父母和朋友反而是愛的關懐。

Hugs & kisses suddenly become weapons, and not visiting parents & friends becomes an act of love.

 

突然你體會了權力,美貌和金錢從來都是一文不值,它們都無法提供氧氣讓你呼吸生存。

Suddenly you realise that power, beauty & money are worthless, and can't get you the oxygen you're fighting for.

 

當人類被關在籠内,地球持續美好,所以,給我們的教訓是:

The world continues its life and it is beautiful. It only puts humans in cages. I think it's sending us a message:

 

人類毫不重要,空氣,土壤,天空和流水没有你們依然美好。

所以當你們走出籠子的時候,請記得你們是地球的客人,不是主人。

You are not necessary. The air, earth, water and sky without you are fine. When you come back, remember that you are my guests. Not my masters."

 

18. Juni 2020

 

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