Blutspendedienste während der Coronapandemie

Von der Angst vor knappen Blutreserven zur Chance, bei der Forschung mit anpacken zu können

Obwohl die Blutspenden während der Corona-Krise gesunken sind, ist es glücklicherweise zu keinem Blutengpass gekommen. Trotzdem ist es wichtig, dass man weiter fleissig spenden geht. Nicht nur des Transfusionsblutes wegen, sondern auch, um den Blutspendedienst im Kampf gegen das Virus zu unterstützen.

Ein Gastbeitrag von Beat M. Frey

 

Portrait Frey
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Dr. med. Beat M. Frey ist Direktor und
Chefarzt des Zürcher Blutspendedienstes
des Schweizerischen Roten Kreuzes.

 

Wer hätte sich noch vor wenigen Wochen vorstellen können, dass eines Tages ein unsichtbarer Feind ganz leise und quasi über Nacht unsere Gesellschaft in helle Aufregung versetzen würde. Etablierte Werte und Selbstverständlichkeiten geraten ins Wanken und werden ausser Kraft gesetzt. Bisher kannten wir solche Katastrophenszenarien nur vom Hörensagen, nun gehören die Corona-Pandemie und die mit ihr verbundenen massiven Einschränkungen auch zu unserem Alltag.

 

Der Lockdown von Blutspenden ist keine Option
Obwohl wir uns in vielen Bereichen erstaunlich gut anpassen konnten, gibt es Situationen, in denen ein Lockdown keine Option ist. Dazu gehört besonders auch die Versorgung mit Blut, die nicht unterbrochen werden darf. Insbesondere in einer Zeit, in der normalerweise das vermehrte Spenderaufkommen massgeblich mithilft, die knappen Blutreserven nach den Jahresend-Festtagen und der Grippesaison aufzufüllen.

 

Die aktuelle Situation ist für uns eine Herausforderung, denn die furchterregenden Erläuterungen von Epidemiologen und anderen Expert*innen suggerieren das Gefühl der individuellen Existenzbedrohung. Unter diesen Umständen denkt der Mensch zuerst an das eigene Überleben und ist weniger bereit für altruistische Gesten, wie eine Blutspende. Dazu kommt, dass die teilweise über ein Jahr im Voraus organisierten Blutspendeaktionen kurzfristig abgesagt wurden. Dies einerseits weil es anfänglich nicht klar war, ob sie auch unter das Versammlungsverbot fallen, andererseits weil viele der Samariterinnen und Samariter als Helfer nicht mehr zur Verfügung standen, weil sie, im Rentenalter sind und somit zur offiziellen Risikogruppe gehören. Um diesen Ausfall zu kompensieren, haben wir Blutspender*innen von früheren Blutspendeaktionen per Brief in die weiterhin geöffneten stationären Blutspendezentren eingeladen. Leider mit nur bescheidenem Erfolg, denn nur gerade sechs Prozent der angeschriebenen  Spender*innen konnten für eine Blutspende in einem Spendezentrum begeistert werden. Dadurch mussten wir einen ca. 30%igen Rückgang der Blutspenden verzeichnen.

 

Es hat gereicht, weil viele Operationen verschoben wurden
Das ist ein massiver Rückgang, welcher nur dank der gleichzeitig reduzierten Operationstätigkeiten der Spitäler weitgehend aufgefangen werden konnte. Auch nach mehr als 6 Wochen Pandemie-Betrieb bestehen glücklicherweise weiterhin gute Blutbestände und die Spitalversorgung ist nicht gefährdet.


Die Zukunft sieht wieder rosiger aus, denn inzwischen sind sämtliche Vorkehrungen für die Einhaltung der Abstandsregeln, der Hygienemassnahmen und der verschärften Spenderauswahl umgesetzt und das Vertrauen ins Blutspenden und insbesondere in die mobilen Spendeaktionen, welche gut zwei Drittel des benötigten Blutes sammeln, kommt zurück. Geholfen hat dabei auch die explizite Erklärung des Bundesrates, dass Blutspendeaktionen nicht unter das Versammlungsverbot fallen, vorausgesetzt die angeordneten Vorsichtsmassnahmen werden eingehalten. Diese Erklärung hat uns geholfen, die lokalen Organisationskomitees zu überzeugen, die mobilen Blutspendeaktionen wieder zuzulassen. Somit ist das Schlimmste abgewendet.

 

Neue Aufgaben im Kampf gegen COVID-19
Inzwischen dominieren neue Aspekte der Pandemie den Blutspende-Alltag und viele offenen Fragen von Biologie und Epidemiologie des neuen Coronavirus beschäftigen uns zunehmend: Zum Beispiel ist die Frage noch nicht geklärt, ob das Virus auch durch Blut von asymptomatischen Virusträgern übertragen werden kann.

 

Zusätzlich übernehmen wir neue Aufgaben und organisieren die Gewinnung von Blutplasma von Personen, die die COVID19-Erkrankung überstanden haben. Dieses sogenannte Konvaleszenz-Plasma, enthält Antikörper, die das Coronavirus bei schwer erkrankten Personen gezielt bekämpfen könnten. Dafür müssen die mittels Plasmaspende gewonnenen Antikörper der erkrankten Person verabreicht werden, was als passive Immunisierung bezeichnet wird. Die Blutspende Zürich hat zusammen mit den Kliniken für Hämatologie und Infektiologie des Universitätsspital Zürich und dem Institut für Medizinische Virologie der Universität Zürich  eine klinische Studie gestartet, welche die Wirksamkeit und die Sicherheit einer solchen Therapie bei COVID-Erkrankten untersucht [1]. Unter anderem wollen wir auch ausschliessen, dass virus-spezifische Antikörper die Krankheit sogar verstärken, was eine vielzitierte Befürchtung ist [2].

 

Schliesslich werden wir mithelfen, die Durchseuchungsrate der Bevölkerung zu bestimmen. Denn sobald ein geeigneter Antikörper-Test zur Verfügung steht, wird der Blutspendedienst die Blutspenderpopulation systematisch auf Antikörper gegen das Virus untersuchen und damit einen Beitrag leisten, die Pandemie und deren Auswirkungen besser zu verstehen.           

   

[1] A phase I, open-label, single-centre clinical study to evaluate safety and efficacy of passive immunization of high-risk SARS-CoV2 positive patientes with convalescent plasma therapy, (2020), ClinicalTrials.gov.

[2] Negro F. Is antibody-dependent enhancement playing a role in COVID-19 pathogenesis? Swiss Med Wkly (2020);150:w20249.

 

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